WHO 2025: Warum hebammengeleitete Modelle zur Zukunft der Geburtshilfe gehören
Wissenschaftliches Abstract
Die WHO hat 2025 eine Implementierungsleitlinie zur Umstellung auf Midwifery Models of Care
veröffentlicht. Sie beschreibt hebammengeleitete Versorgung als personenzentriertes, evidenzbasiertes
Modell entlang des Kontinuums von Schwangerschaft, Geburt und Wochenbett. Für Deutschland ist
diese internationale Rahmung besonders relevant, weil hebammengeleitete Kreißsäle politisch und
qualitätssichernd stärker verankert werden. Der Beitrag ordnet die Leitlinie für Hebammen,
Leitungsteams und klinische Geburtshilfe ein und zeigt, welche Praxisfragen daraus entstehen.
Einleitung
Hebammenarbeit ist mehr als die Durchführung einzelner geburtshilflicher Maßnahmen. Sie ist eine
eigenständige professionelle Versorgung, die körperliche, psychosoziale und familiäre Aspekte rund um
Schwangerschaft, Geburt und Wochenbett miteinander verbindet. Die WHO-Leitlinie von 2025
formuliert diese Rolle ausdrücklich als Systemfrage: Nicht nur einzelne Hebammen sollen gestärkt
werden, sondern ganze Versorgungsmodelle sollen so organisiert sein, dass Hebammen kontinuierlich,
autonom und interprofessionell arbeiten können [1].
Studien- und Leitlinienlage
Die WHO beschreibt Midwifery Models of Care als Modelle, in denen qualifizierte Hebammen die
Versorgung koordinieren und innerhalb ihres Kompetenzbereichs eigenständig entscheiden. Bei
Abweichungen vom physiologischen Verlauf erfolgt die Zusammenarbeit mit geburtshilflichen,
pädiatrischen und weiteren spezialisierten Berufsgruppen über klare Konsultations- und
Überleitungswege [1,2]. Dieser Ansatz deckt sich mit der Evidenz zur kontinuierlichen
Hebammenbetreuung: Der aktualisierte Cochrane-Review berichtet, dass Frauen in Modellen mit
Hebammenkontinuität seltener Kaiserschnitte und instrumentelle Geburten erleben und häufiger
spontane vaginale Geburten sowie positive Erfahrungen berichten [4].
Einordnung für Deutschland
Für Deutschland kommt die WHO-Leitlinie zu einem Zeitpunkt, an dem hebammengeleitete Kreißsäle
vom berufspolitischen Anliegen in verbindlichere Strukturen überführt werden. Der G-BA hat am 19.
März 2026 Anforderungen an Strukturen und Prozesse der hebammengeleiteten Betreuung im
Krankenhaus beschlossen. Die Richtlinie definiert unter anderem, für welche Frauen das Angebot
geeignet ist und wann ärztliche Konsultation oder Überleitung erforderlich sind [7,8].
Redaktionelle Relevanz
Für Fachzeitschriften und Newsletter ist das Thema attraktiv, weil es zugleich evidenzbasiert,
berufspolitisch und praxisnah ist. Es berührt Personalbemessung, Ausbildungsniveau,
interprofessionelle Zusammenarbeit, Haftungsfragen, Qualitätsmanagement und die Kommunikation
mit Schwangeren.
Praxisempfehlungen für Hebammen
• Hebammen sollten die WHO-Leitlinie als Argumentationshilfe für Teamgespräche, Qualitätszirkel
und Klinikentwicklung nutzen.
• Kliniken sollten hebammengeleitete Angebote nicht als Parallelstruktur, sondern als abgestimmtes
Angebot mit klaren Schnittstellen planen.
• Beratungsgespräche mit Schwangeren sollten transparent erklären, für wen hebammengeleitete
Betreuung geeignet ist und wie Sicherheit durch Eskalationswege gewährleistet wird.
Infobox für die redaktionelle Nutzung
• Hebammengeleitete Versorgung bedeutet nicht „ohne Ärzt:innen“, sondern: Hebammen führen die
physiologische Betreuung und arbeiten bei Bedarf strukturiert interprofessionell.
• Kernbegriffe: Kontinuität, informierte Entscheidung, physiologischer Geburtsverlauf, risikoadaptierte
Überleitung.
Kurzfazit
Hebammengeleitete Geburtshilfe ist ein evidenzbasierter Ansatz, der physiologische Geburt, Sicherheit
und respektvolle Betreuung verbindet. Entscheidend ist die professionelle Umsetzung: klare
Indikationsgrenzen, interprofessionelle Schnittstellen, ausreichende Ressourcen und kontinuierliche
Evaluation.